Forscher entdecken Antibiotikum im Hundespeichel

Bakterienvirus tötet Erreger von Krankheiten in Wunden

Von Friedrich Katscher

 

Es ist eine uralte Volksweisheit, dass eine Wunde schneller und besser heilt, wenn sie von einem Hund abgeleckt wird. Sein Speichel muss also etwas enthalten, was den Heilungsprozess fördert. Amerikanische Forscher haben nun die verblüffende Entdeckung gemacht, dass es sich dabei nicht um eine vom Hundeorganismus erzeugte Substanz handelt, sondern um ein antibiotisches Virus, das in der Verletzung auftretende gesundheitsschädliche Bakterien tötet.

 

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurde gefunden, dass Wunden durch das Ablecken durch Hunde nicht nur gereinigt werden, sondern dass dadurch auch das Bakterienwachstum im Wundgewebe gehemmt wird. Das Seltsame war, dass man diese antibiotische Wirkung des Hundespeichels niemals im Laboratorium im Reagenzglas nachahmen konnte. Nun fand man auch heraus, warum das so ist.

 

Die jetzigen Forschungen begannen vor einigen Jahren, als die Beagle-Kolonie der Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) der USA in Bethesda mit einem nichtkrankmachenden Bakterienstamm angesteckt wurde und Zahnforscher ein fast vollständiges Fehlen von Bakterieninfektionen in Zahnfleischwunden feststellten. Es zeigte sich, dass der Hundespeichel nur bei Wunden von Hunden oder Menschen, nicht aber bei anderen Tieren, zum Beispiel bei Katzen, wirkt; das deutet darauf hin, dass die Beziehung zwischen Mensch und Hund älter ist, als man bisher dachte.

 

Bakterium namens Annie . . .

 

Die NIH-Forscher Polly Matzinger und Heinz Arnheiter entdeckten ein unschädliches Mundbakterium, das mit der antibiotischen Aktivität des Hundespeichels verknüpft ist. Sie tauften das Bakterium Annie. Der Name ist aus den Anfangsbuchstaben von Antibiotically Novel Natural Innate Epiflora (antibiotisch neuartige, natürliche, angeborene Über-Flora) zusammengesetzt.

 

Im Maiheft der Zeitschrift "Graft" berichteten die beiden Forscher, dass die antibiotische Wirkung nicht von Annie selbst herrührt, sondern von einem in ihrem Inneren hausenden, für sie gutartigen und ungefährlichen Bakteriophagen (wörtlich, aber unzutreffend Bakterienfresser; Kurzform: Phage), einem Virus, das nicht Tiere oder Pflanzen, sondern Bakterien befällt.

 

Zu Ehren der Hündin Lilly, von der er ursprünglich isoliert wurde, wurde der Bakteriophage Lil1 genannt. Er ist ein natürlicher Symbiont, das heißt, er lebt in Symbiose - zum gegenseitigen Nutzen - mit Annie zusammen, und zwar offensichtlich immer; es konnten keine phagenfreien Kolonien von Annie gefunden werden.

 

. . . in Symbiose mit Lil1 Lil1

 

vernichtet als "Breitbandantibiotikum" eine Vielzahl verschiedener Arten von Wundbakterien, allerdings nur - und das erklärt, warum die Versuche im Reagenzglas misslangen -, wenn diese vorher bestimmten Bestandteilen des Wundexsudats (der bei Entzündungen aus den Gefäßen austretenden Flüssigkeit) ausgesetzt und dadurch gewissermaßen vorgeschädigt sind.

 

Matzinger und Arnheiter stellten fest, dass unverdünnter Speichel von Hunden, die mit Annie infiziert waren, innerhalb von acht Stunden 92,5 Prozent aller Bakterien tötete. In Hunden, bei denen Annie durch Sterilisierung aus dem Maul entfernt worden war, wurden dagegen nur 8,7 Prozent der Bakterien vernichtet.

 

Die Entdeckung von Lil1 warf mehrere Fragen auf: Was verhindert, dass der Phage die natürliche Bakterienflora des Hundes zerstört? Antwort: Das Wundexsudat oder vielmehr noch unbekannte Bestandteile davon müssen dazukommen, damit der Phage zum Bakterienkiller werden kann.

 

Wieso wirkt Lil1 gegen so viele verschiedene Bakterien, während andere Phagen nur eine kleine Anzahl von "Opfern" haben? Antwort: Möglicherweise, weil die Wundsubstanzen die diversen Bakterien sozusagen angriffsreif machen.

 

Wie bekommen Hunde das Mundbakterium Annie? (Alle normalen Hunde, die untersucht wurden, auch wilde, beherbergen Annie und Lil1.) Antwort: Die jungen Hunde lecken die Schnauzen erwachsener Hunde. (Hier ist eine Warnung bei Eigenversuchen angebracht: Hundespeichel kann krankmachende Viren, zum Beispiel Tollwut-Viren, enthalten, für die gerade eine Wunde eine Eingangspforte in den Körper ist und gegen die Antibiotika wirkungslos sind, und bei manchen Menschen kann er Allergien auslösen.)

 

Der Hund ist seit mehr als 200.000 Jahren mit dem Menschen verbunden. In primitiven Gesellschaften waren die Vierbeiner im Austausch für Futter und Obdach Jagdgefährten, Bewacher, Wärmespender in kalten Nächten und vielleicht auch eine Quelle von Antibiotika - lange bevor das Penizillin entdeckt wurde.

 

Weitere Forschung für die Humanmedizin

 

Zukünftige Forschungen werden zeigen, ob die antibakteriellen Eigenschaften von Lil1 für menschliche oder veterinärmedizinische Zwecke genutzt werden können, um das schwerwiegende Problem der bakteriellen Resistenz gegenüber konventionellen Antibiotika lösen zu helfen. Dass seine antibiotische Wirkung so viele Jahrtausende andauerte, ohne dass die bakteriellen Eindringlinge eine wirksame Abwehr dagegen entwickeln konnten, deutet darauf hin, dass dieser Bakteriophage gemeinsam mit noch zu erforschenden Faktoren im Wundexsudat ein ausgezeichneter Kandidat für Behandlungsanwendungen in der Medizin sein könnte.

 

Quelle: http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wissen/mensch/343975_Bakterienvirus-toetet-Erreger-von-Krankheiten-in-Wunden.html

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03.02.2013